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Der Zensurfall PANZERKREUZER POTEMKIN in Deutschend, Österreich und in der Tschechoslowakei
     
 

Im Depot des COLLATE-Systems finden sich zur Zeit (Stand Juli 2003) 255 Text- und Bilmaterialien zu dem Film PANZERKREUZER POTEMKIN (BRONENOSEC „POTEMKIN“, UdSSR 1925, Regie: Sergej M. Eisenstein). Dem Eisenstein Film, der die Meuterei auf dem zaristischen Kriegsschiff „Potemkin“ vor dem Hafen von Odessa am 16. Juni 1905 behandelt, wurde vom künstlerischen Standpunkt her in allen drei Ländern höchstes Lob ausgesprochen. Der revolutionäre und bolschewistisch-propagandistische Charakter des Films wurde allerdings als höchst gefährlich bewertet und führte zur intensiven Auseinandersetzung und Diskussionen über Vorführerlaubnis oder Vorführverbot.

In Österreich gab es in Vergleich zu Deutschland und der Tschechoslowakischen Republik weit weniger Aufsehen um den „Panzerkreuzer“. In Wien wurde der Film zwar mit einem Jugendverbot belegt, er konnte aber sonst ohne weitere Einschränkung vorgeführt werden. Zu bedenken ist zudem, dass in Österreich seit dem 30. Oktober 1918 jegliche Zensur als aufgehoben galt. Dieser Beschluss wurde 1920 in die Bundesverfassung übernommen. Trotz dieses generellen Zensurverbots war es aber immer wieder möglich diese Regelung zu umgehen. Einzelne Interessensgruppen verstanden es Druck auf die Exekutive, die Legislative, die Justiz und die öffentliche Meinung auszuüben und so die Vorführung eines Filmes zu unterbinden. Es gab demnach einen „legalen“ Weg unliebsame Filme aus dem Verkehr zu ziehen: Kam es bei einer Vorführung zu Krawallen, Zwischenrufen und gewalttätigen Auseinandersetzungen, so konnte die zuständige Polizeidirektion sofort ein Verbot gegen den Film erlassen.

Das derartige Störaktionen gezielt durchgeführt und meist politisch motiviert waren liegt auf der Hand. Als der Film PANZERKREUZER POTEMKIN in Wien im Juni 1926 vorgeführt wurde, kam es in mehreren Kinos zu Störversuchen durch Zwischenrufe und Stinkbomben, die zumeist von Nationalsozialisten initiiert waren. Über ein darauf folgendes Verbot des Filmes ist allerdings nichts bekannt. Anders verhielt es sich in Vorarlberg, dort wurde die Vorführung des Filmes wegen angeblicher „subversiver Tendenzen“ untersagt. Diese Art der Argumentation findet sich in den Zensurbescheiden zum Fall PANZERKREUZER POTEMKIN in Deutschland und der Tschechoslowakischen Republik wieder.

In Deutschland sah eine gesetzliche Schutzvorschrift vor, dass einem Bildstreifen wegen seiner politischen Tendenz die Zulassung nicht versagt werden durfte. Es mussten also andere Gründe gefunden werden, um ein Verbot des Filmes rechtlich durchsetzen zu können. Ende März 1926 fand sich eine solche Begründung - der Film wurde verboten, da er „geeignet sei die öffentliche Ordnung und Sicherheit dauernd zu gefährden“. Doch bereits zwei Wochen später musste das Urteil nach einem Revisionsverfahren revidiert werden. Der Film wurde vorerst nur mit einem Jugendverbot belegt, obwohl der Reichskommissar für Überwachung und öffentliche Ordnung PANZERKREUZER POTEMKIN als gefährlich einstufte. Seiner Ansicht nach handelte es sich dabei um ein gezielt eingesetztes Mittel der russischen kommunistischen Partei und der Internationalen zur Vorbereitung der Weltrevolution.

Diese neuerliche Freigabe des Films durch die Film-Oberprüfstelle Berlin führte zu Protesten seitens der Landesregierungen von Württemberg, Bayern, Hessen und Thüringen, die auch einen Antrag auf Widerruf der Zulassung des Films wegen Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Ordnung stellten. Die Oberprüfstelle stellte fest, dass sich seit Zulassung des Films am 10. April 1926 keine Störungen der öffentlichen Ordnung ergeben haben, daher ein Verbot wegen Ordnungsgefährdung nicht anerkannt werden kann. Allerdings sei PANZERKREUZER POTEMKIN geeignet die Unterhöhlung des Autoritätsprinzips in Heer und Marine voranzutreiben und damit den Bestand des Staates zu gefährden. Somit wurde dem Film am 12. Juli 1926, diesmal wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, die Vorführung untersagt.

Unmittelbar nach diesem Urteil wurde eine gekürzte Form des „Panzerkreuzers“ von der Film-Oberprüfstelle neuerlich freigegeben, diesmal auch zur Vorführung vor Jugendlichen. Mit den wieder einsetzenden Interventionen der zuvor genannten Länder erreichte man diesmal aber nur ein Jugendverbot für den Film. Da die Länder keine Kompetenzen hinsichtlich der Filmzensur besaßen und sich an die Verordnung der Oberprüfstelle zu halten hatten, suchte man andere Wege eine Vorführung des „Panzerkreuzers“ zu verhindern. So wies man die Polizeibehörden mit direkter Bezugnahme auf PANZERKEUZER POTEMKIN an, alle erforderlichen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit zu treffen und hielt sie an, im gegebenen Fall die betroffenen Lichtspieltheater vorübergehend zu schließen. Kinobetreiber, die vorhatten den Film zu zeigen, wurden über die möglichen Folgen informiert und ganz offensichtlich unter Druck gesetzt. Zu einem endgültigen Verbot des Filmes in Deutschland kam es erst nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933.

In der Tschechoslowakischen Republik beriet Anfang August ein für die Filmzensur zuständiges Gutachterkollegium über den Film PANZERKREUZER POTEMKIN. Gegen den Film sprachen sich vor allem die Minister für Justiz, für Landesverteidigung und für Inneres aus, die in dem Film eine „Glorifizierung der Meuterei“ erkannten und ihn für eine „Gefährdung der öffentlichen Ordnung und der Disziplin im Heer“ hielten. Der Unterrichtsminister hob dagegen die hervorragende künstlerische Leistung des Filmes und die realistische Darstellung der sozialen Umstände in Russland hervor. Man kam zu keiner gemeinsamen Linie. Ein erweitertes Gutachterkollegium wurde einberufen, das ein endgültiges Urteil fällen sollte. Bevor die Berater zusammentrafen, ließen sie sich von den tschechoslowakischen Botschaftern in Wien und Berlin über die dortigen Beurteilungen und Zensurgutachten zu PANZERKREUZER POTEMKIN informieren. Das erweiterte Kollegium beschloss, den Film um etwa 86 Meter zu kürzen. Davon betroffen waren diverse Untertitel und im speziellen einige besonders „blutrünstige Szenen auf der Hafentreppe von Odessa“. In der Slowakei wurde der Film verboten. In Böhmen und Mähren durfte die gekürzte Fassung gespielt werden, es wurde allerdings ein Jugendverbot über den Film verhängt.

Ausführlichere Essays zur Zensurgeschichte von POTEMKIN mit links zu den Primärquellen sind in der Collate Source Edition zu finden.

von Karin Moser

 
 

 

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