Übersicht links Texte Home SE/SP http://www.deutsches-filminstitut.de/collate/
     

Österreichische Pressestimmen zu PANZERKREUZER POTEMKIN
     
 

Der Film „PANZERKREUZER POTEMKIN“ wurde in Österreich von der Verleih-Firma „Philipp & Co“ mit einer großangelegten Kampagne beworben. Nur selten war in den vorangegangenen Jahren ein Film mit einem solchen Ausmaß an Reklame angekündigt worden. Man sprach in den Slogans von dem „größten Film, den die Welt je gesehen hatte“ (Kino-Journal, 29.5.1926; Der Filmbote, 29.5.1926) und die Filmkritiker folgten diesem Tenor. Der PANZERKREUZER wurde als das größte und imposanteste Filmwerk mit geradezu überwältigender Wirkung bezeichnet (Der Filmbote, 29.5.1926). Die Journalisten lobten besonders die virtuose Massenregie dieses monumentalen Kunstwerks (Paimann´s Filmlisten 4.6.1926; Der Filmbote, 5.6.1926).

Die Arbeiter-Zeitung zeigte sich überzeugt, dass dieser Film Jahrzehnte überdauern werde, da er „wirkliche Kunst ist“, da mit ihm eine „revolutionäre Tat“ gesetzt wurde (Arbeiter-Zeitung, 4.6.1926). Die Bühne prognostizierte „Dieser Film wird unseren westlichen Film revolutionieren“ (Die Bühne, 17.6.1926).

Nur selten wurde der Film in seiner ästhetischen Gestaltung kritisiert, und selbst dann bezog man sich nur auf einzelne Elemente. Einzig Paimann´s Filmlisten beanstandeten in der stummen Fassung von 1926 eine zu hohe Zahl an Zwischentitel (4.6.1926) und bewerteten in der vertonten Fassung die Nachsynchronisation als nicht wirklich gelungen (5.9.1930).

Andere negative Stimmen zu POTEMKIN lassen schon auf eine politisch motivierte Bewertung schließen. So warfen „Das Neue Wiener Tagblatt“ (2.7.1926) und die nationalsozialistische „Deutsch-österreichische Tageszeitung“ (29.6.1926) den Filmemachern vor, bewusst die „primitivsten, menschlichen Instinkte“ anzusprechen. Doch das nationalsozialistische Sprachrohr bestreitet zumindest die künstlerische Qualität des Films nicht.

Ein weiterer Aspekt, den die österreichischen Filmkritiker besonders ins Auge fassten, war die realistische Gesamtkomposition des Films. Vor allem die Darsteller leisteten, der Filmpresse zufolge, einen maßgeblichen Beitrag an der wirklichkeitsnahen Gestaltung. Denn Eisenstein setzte keine Schauspieler, sondern echte Hafenarbeiter und Matrosen für seinen Film ein. Die Presse vermerkte anerkennend, dass hier nicht „gespielt“ wird, dass man den Zuschauern „übertriebene Gestik und Mimik“, wie man sie sonst aus dem Film, kannte erspart. Die Regie arbeite auch sonst nicht mit „billigen Mitteln“, wie etwa beweglichen Stereoskopbildern, sondern mit realen Hafenszenerien (Die Bühne, 17.6.1926; Der Filmbote, 5.6.1926).

Ebenso konstatierte man dem Film eine hohe dokumentarische Bedeutung (Der Filmbote, 29.5.1926). Die im PANZERKREUZER dargestellten Begebenheiten wären aktenmäßig belegt. Es handle sich um eine historisch getreue Handlung und der Film zeige die „dokumentarisch belegte Wahrheit“ der Ereignisse (Paimann´s Filmlisten, 4.6.1936; Die Bühne, 17.6.1926; Der Filmbote, 5.6.1926).

Ganz anders sah man den realen Hintergrund in der „Reichspost“ die der Christlichsozialen Partei nahe stand. Das bürgerliche Blatt versuchte den Film ins Lächerliche zu ziehen und mit der Kritik an einzelnen Szenen, die gesamte Handlung als übertrieben und nicht real hinzustellen. So bezweifelte der Autor, dass es auf der „Potemkin“ überhaupt wurmiges Fleisch gegeben hätte, da alle Flotten immer auf eine sehr gute Verpflegung ihrer Mannschaft geachtet hätten. Außerdem wären ihm gerade die russischen Matrosen „als besonders wohlgenährt“ in Erinnerung. Ebenso sei es – sogar bei den Russen - sehr unwahrscheinlich, dass man nur wegen einer Beschwerde (madiges Fleisch) daran denke, die Vorgesetzten zu hängen.
Nebenbei bemerkte der Autor noch, dass „Matrosen in ihrer Hängematte immer sehr friedlich wären“ und niemals bei solch einer Entspannung die Hände aus Zorn ballen würden (Reichspost, 18.6.1926). Der Artikel befasst sich offensichtlich nur mit einzelnen, nebensächlichen Aspekten des Films, während er den tatsächlichen historischen und sozialpolitischen Hintergrund gänzlich ausgespart.

Diese politische Komponente des Films war den Journalisten durchaus bewusst. Trotzdem stellten einige die Frage, ob eine politische Auseinandersetzung über den Film überhaupt angebracht sei. War denn „PANZERKREUZER POTEMKIN“ überhaupt ein Propagandafilm? Paimann´s Filmlisten beantworteten diese Frage mit einem eindeutigen „Nein“. Der Film zeige lediglich wie sich in Menschen, die unter Unterdrückung und Gewalt leiden, der Widerstand regt. Das Thema des Films sei also eine ganz natürliche menschliche Reaktion auf Repression und Knechtung - die Auflehnung. Den PANZERKREUZER als eine politische Stellungnahme zu verstehen, wäre daher völlig falsch (Paimann´s Filmlisten, 4.6.1926).

Ganz anders äußerte sich dazu Dr. Otto Friedländer (Neues Wiener Tagblatt, 2.7.1926). Er sah im „PANZERKREUZER“ jene Sorte des propagandistischen Kriegsfilms, die sonst von Kunstverständigen und Intellektuellen abschätzig als politisches „Machwerk“ bezeichnet wird. Friedländer stellte überrascht fest, dass es tatsächlich ernsthafte (intelligente) Leute gibt, die glauben, dieser Film wäre keine Propaganda, sondern schlicht ein Kunstwerk. Dabei seien es doch die Russen selbst, die stets darauf hinweisen, dass sie einzig und allein die „Tendenzkunst“ anerkennen. Denn jede andere Art der Kunst wäre reaktionär und bourgeoise.
Eine noch deutlichere Stellungnahme gab „Die Bühne“ ab: „PANZERKREUZER POTEMKIN ist der unerhörteste Propagandafilm, den man sich denken kann. Umso mehr sei es ein Armutszeugnis für den Westen, dass er noch nicht erkannt hat, in welchem Maße der Film als Propaganda dienen kann.“ (Die Bühne, 17.6.1926).
PANZERKREUZER POTEMKIN bot demnach genug Zündstoff um die politische Diskussion anzuheizen. Jedenfalls reichte er dem Vorarlberger Landeshauptmann Dr. Otto Ender aus, um den Film in seinem Bundesland verbieten zu lassen. Die sozialistische Arbeiter-Zeitung griff Otto Ender daraufhin in ihrer Berichterstattung an (27.6.1926). Dieses Vorgehen zeige wieder einmal, wie ungeniert die Christlichsozialen mit dem Gesetz umspringen. Es sei ja Enders Gepflogenheit Gesetze, die ihm nicht passen, einfach zu missachten. Die Arbeiter-Zeitung forderte den Verfassungsgerichtshof in dieser Frage anzurufen, da jede Form der Zensur in Österreich seit Oktober 1918 verboten sei.

Die bürgerliche Presse hingegen spiegelte in ihrer Bewertung des Films die Argumentationslinie der Vorarlberger Landesregierung wider. Die „Reichspost“ (18.6.1926) und das „Neue Wiener Tagblatt“ (2.7.1926) prangerten die „Verherrlichung der Meuterei“ und die „Darstellung russischer Methoden, die in jedem zivilisiertem Europäer Abscheu und Widerwillen erregten“, scharf an.
Dagegen war für die „linke Presse“ die Meuterei auf der Potemkin der „Ausgangspunkt für die spätere Volksbefreiung in Russland“ (Der Filmbote, 29.5.1926). Der Film erzähle die Geschichte aller Revolutionen und zeige den natürlichen Rachekrieg der Matrosen gegen ihre Peiniger (Arbeiter-Zeitung, 4.6.1926). Die sozialistische Presse ging sogar soweit, die Meuterei auf der Potemkin für ihre eigene politische Bewegung zu vereinnahmen. Für sie war die Meuterei von 1905 eine „Episode des Freiheitskampfes der russischen Sozialdemokratie“.
Doch auch das nationalsozialistische Blatt „Die deutsch-österreichische Tageszeitung“ verstand es die „Revolution auf der Potemkin“ in ihrem Sinne umzudeuten. Sie prophezeite eine „wahre Revolution“ in Österreich, bei der sich Österreich an die Seite Deutschlands stellen werde (Deutsch-österreichische Tageszeitung, 29.6.1926).

Die politische Auseinandersetzung fand auch in den Kinosälen statt. Während die einen jubelten, applaudierten und zutiefst erschüttert waren, störten die anderen die Vorführung durch Pfiffe, Beschimpfungen, Nazi-Gesänge und Stinkbomben. Dr. Otto Friedländer spricht im Neuen Wiener Tagblatt davon, dass der Film eine „Psychose“ ausgelöst habe. Denn wie ist es sonst möglich, dass geistig gesunde Menschen applaudieren, wenn eine überlegene Gruppe eine kleine Zahl kaum bewaffneter Menschen lyncht. Wie kann das Publikum jubeln, wenn ein Geistlicher, der den Matrosen mit einem Kruzifix entgegentritt, um noch mehr Blutvergießen zu vermeiden, niedergeschlagen wird (Neues Wiener Tagblatt, 2.7.1926).

Wie auch immer das Publikum letztlich auf den Film reagierte, „PANZERKREUZER POTEMKIN“ war ein „Schlager“. Der Film war über viele Tage ausverkauft und wurde auch in Kinos gespielt, in dem eher bürgerliches Publikum zu erwarten war.
Doch warum war dieser Film so erfolgreich? Jeder fand seine eigene Erklärung. Die Filmkritiker verwiesen auf die realistische Darstellung der dokumentarisch belegbaren Ereignisse. Die Sozialisten erkannten in den Film eine Darstellung des revolutionären Klassenkampfes der sozialistischen Arbeiterklasse. Die Nationalsozialisten meinten der Panzerkreuzer wäre eine Metapher auf das „Staatsschiff Österreich“ und seine Bundeshauptstadt Wien (Deutsch-österreichische Tageszeitung, 29.6.1926). Wien wäre ein Potemkinsches Dorf. Außen zeige man prunkvolle Fassaden, täusche man Wohlstand vor, doch dahinter verberge sich haarsträubendes Elend und grauenhafte Not. Deshalb werde in Österreich die „wahre deutsche Revolution“ losbrechen, die zu einem Anschluss an das Deutsche Reich führen werde. Diese letzte Prophezeiung ist, wie die Geschichte gezeigt hat, 12 Jahre später tatsächlich Wirklichkeit geworden.

Ausführlichere Essays zur Zensurgeschichte von POTEMKIN mit links zu den Primärquellen sind in der Collate Source Edition zu finden.

von Karin Moser

 
 

 

  top back next
       

Collate Film und Zensur Filmzensur in Deutschland, Österreich und in der Tschechoslowakei in den 20er und 30er Jahren