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Filmzensur in Deutschland, Österreich und in der Tschechoslowakei in den 20er und 30er Jahren
     
 

Zensurpraxis

Der Vergleich von Zensurfällen unterschiedlicher Ausprägung in Österreich, der Tschechoslowakei und Deutschland zeigt ein klares Muster. Der Umgang mit den in der source edition ausgewählten Filmen kann als beispielhaft für eine gängige Praxis angesehen werden.

Auf der einen Seite steht die vergleichsweise liberale Zensurpraxis Österreichs. Hier erhielten Filme in der Regel eine Zulassung zur öffentlichen Vorführung – darüber hinaus wurden sie häufig ohne jegliche Kürzungen gezeigt. Revisionsfälle waren äußerst selten.

Das andere Extrem bildet Deutschland mit einer so strengen wie gründlichen, erschöpfenden Zensur. Filme wurden hier häufiger verboten als in den Nachbarländern. Außerdem wurden sie im Falle der Zulassung häufig (zum Teil erheblich) gekürzt. Die Zensoren machten nicht nur rege Gebrauch von Jugendverboten, darüber hinaus sie legten sie auch „beschränkende Vorführungsbedingungen“ fest. In diesen Fällen werden Filme nur für geschlossene Zirkel vor bestimmten Personenkreisen zugelassen – eine Besonderheit des Reichlichtspielgesetzes. Revisionsfälle sind Gang und Gäbe und gehören zum deutschen Zensuralltag.

Die Tschechoslowakei nimmt eine mittlere Stellung ein: Filme wurden häufiger als in Österreich, aber nicht so häufig wie in Deutschland verboten. Die zugelassenen Filme wurden zwar gekürzt, doch nicht so stark wie in Deutschland. Revisionsfälle sind im Gesetz vorgesehen und in der Praxis zwar nichts Ungewöhnliches, ihre Häufigkeit erreicht aber bei weitem nicht die deutschen Ausmaße. Während PANZERKREUZER POTEMKIN 1926 in Österreich sofort und ohne Ausschnitte zugelassen wurde, wurde er in Tschechoslowakei erst in folge eines Revisionsverfahrens zugelassen und mit einer Länge von 1394m (vor Zensur: 1480m). In Deutschland hingegen wurde BP in 1926 sechs Mal geprüft; die erste vorgelegte Fassung hatte 1617m, die letzte im Oktober dieses Jahren zugelassene POTEMKIN-Version war 1421m lang. Die sechs ausgewählten Horror-Filme bestätigen dieses Muster voll und ganz.

Die Quellen

Die verfügbaren österreichischen Zensur-Dokumente machen keine Angaben über die Gründe der Entscheidungen. In den offiziellen Zensurentscheidungen aus Deutschland hingegen wurden die ausführlichen Diskussionen zwischen Zensoren, Zensierten und Gutachtern genauestens protokolliert (manche Entscheidungen haben über 30 Seiten). Das ermöglicht klare Aussagen über die verfolgten Argumentationslinien sowie über die offiziellen Begründung der Entscheidungen – wenn auch es bekannt ist, dass die inoffiziellen, nicht genannten Gründe auch eine Rolle spielen, wie der Fall Potemkin gut belegt. Die Tschechoslowakei nimmt wieder eine mittlere Stellung ein: Es gibt zwar keine ausführliche Begründung der Entscheidungen, diese werden aber doch manchmal genannt. Deswegen weiß man heute z.B., dass die deutschen wie die tschechischen Behörden eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung als Grund für das Verbot von Potemkin genannt haben.

Die gesetzliche Lage

Zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei bestehen mehr Gemeinsamkeiten in Zensurfragen als zwischen diesen beiden Ländern und Österreich. Eine davon betrifft die gesetzliche Lage der Zensur: klare gesetzliche Vorschriften regeln die Filmzensur in Deutschland und der Tschechoslowakei, während in Österreich die Situation recht unklar ist. Die Filmzensur wurde hier zwar 1926 aufgehoben, doch durften Filme nicht gezeigt werden, bevor sie dem Magistrat vorgelegen worden waren und eine Zulassungskarte erhalten hatten.

Auch die Struktur der Zensurkammer ist in Deutschland und der Tschechoslowakei ähnlich: Diese besteht aus einem Vorsitzenden und mehreren Vertretern aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen wie Kunst und Literatur oder Jugendschutz. In der Tschechoslowakei waren außerdem verschiedene Ministerien in der Kammer vertreten, während die staatlichen Behörden in Deutschland häufig als geladene Gutachter an den Zensurprüfungen teilnahmen.

In allen drei Ländern gab es Spannungen zwischen regionalen und föderalen Autoritäten in Fragen der Zensur.

Mit COLLATE haben wir eine Grundlage für internationale, komparative Forschung im Bereich der Filmzensur geschaffen. Zwei weiteren Themen bieten sich im Anschluss daran an. Erstens: Die Beziehung zwischen institutioneller und „informaler“ Zensur – was wir nur streifen konnten – wäre sicherlich ein aufschlussreiches Forschungsfeld. Zweitens: Es wäre spannend – wenn auch sehr aufwändig und methodologisch nicht unkompliziert - nach Gründen für diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Zensurpraxis der drei Länder zu forschen.

Ausführlichere Essays (in Englisch) mit links zu den Primärquellen sind in der Collate Source Edition zu finden.

von Laura Bezerra, Karin Moser, Tomáš Lachman

 
 

 

   
       

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