Kulturfilm 
 
Literatur
Mittellange und abendfüllende Kulturfilme der Ufa
Märchenfilme der Ufa
Die Kulturabteilung der Ufa
Die Ufa-Kulturfilm-Abteilung wird am 1. Juli 1918 gegründet, nachdem das Deutsche Reich der Ufa die Einrichtung einer Kulturabteilung neben der Spielfilm-Produktion zur Auflage gemacht hat. Leiter der Abteilung wird Major a.D. Ernst Krieger, der zuvor beim Bild- und Filmamt (BuFA) militärische Lehrfilme produziert hat, als wissenschaftlicher Referent wird Oskar Kalbus verpflichtet. Die neu eingerichtete Abteilung übernimmt das Filmmaterial der BuFA mit 230.000 m Negativ- und 810.000 m Positiv-Material. 1919 gibt die Abteilung einen ersten Katalog mit 87 kurzen Dokumentarfilmen heraus. 

Der definitorische  Rahmen des Begriffs Kulturfilm ist so breit wie die Produktion selbst. Zeitgenössisch (vgl. E.Beyfuss und A.Kossowsky 1924) werden darunter nicht nur Dokumentationen verstanden, sondern auch die Adaption traditionell dem Spielfilm vorbehaltener Stoffe: Zu nennen sind hier die Märchenfilme „Der kleine Muck" und „Tischlein deck Dich..." (beide 1921) von Wilhelm Prager und der Bibelfilm „I.N.R.I." (1923) von Robert Wiene, aber auch Georg Wilhelm PabstsGeheimnisse einer Seele" (1926) über die Praxis der Psychoanalyse.

Zunächst dreht die Abteilung Filme über die sozialen Folgen des Krieges. Der propagandistische Streifen „Die Wirkung der Hungerblockade auf die Volksgesundheit" (1919) ist mit seiner breiten Schilderung des Elends im Nachkriegsdeutschland primär an das Ausland adressiert und verfolgt handfeste tagespolitische Motive. Eine weitere frühe Eigenproduktionen ist der Dreiakter „Krüppelnot und Krüppelhilfe" (1921) über die Pflege der Kriegsverwundeten und die Werkstätten des Oskar-Helene-Heims in Berlin. Die Botschaft des Films ist eindeutig: Auch die Verwundeten und Kriegsversehrten haben ihren Platz in der Gesellschaft, weshalb die Film-Oberprüfstelle am 28.1.1921 das zunächst ausgesprochene Jugendverbot wieder aufhebt und den Film ganz freigibt (vgl. auch die Edition der Zensurentscheide). Die Vorführung in einer Matinée auf dem 6. Krüppelkongreß unterstreicht seinen lehrhaft-appellativen Charakter.
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1920 kommt Dr. med. Nicholas Kaufmann, Arzt an der Berliner Charité, zur Ufa und produziert in der Folge einer Reihe medizinischer Lehrfilme, die in der ärztlichen Fachausbildung verwendet werden. Filme zu Medizinthemen, insbesondere zur Sexualhygiene (u.a. „Die Geschlechtskrankheiten und ihre Folgen", 1919, erstzensiert im Januar 1920) berühren vielfach Tabus und bekommen wegen ihrer z.T. drastischen Darstellung der Symptomatiken Schwierigkeiten mit der seit dem 20.Mai 1920 wiedereingeführten Filmzensur. So darf Kaufmanns Film, der am 18.3. 1921 nachzensiert wird, nur mit wissenschaftlichem Vortrag gezeigt werden. Jugendlichen darf er nur in nach Geschlechtern getrennten, geschlossenen Vorführungen gezeigt werden.
Nicholas Kaufmann nutzt seine Kontakte zu früheren Kollegen und baut das „Medizinische Filmarchiv bei der Kulturabteilung der Ufa" auf. Die Themen kommen aus der Chirurgie, der Gynäkologie und Geburthilfe, beliebt sind auch Bakteriologie und Pathologie. Besondere Phantasie entwickeln die Techniker bei den Operationsfilmen: eine Spezialkamera, die direkt über dem Operationstisch schwebt, kann vom Operateur (sic !) mit Hilfe eines Fußpedals bedient werden. Die Asepsis bleibt, wie versichert wird, voll gewahrt. 

Ulrich K.T.Schulz, vordem Assistent an der Landwirtschaftlichen Hochschule, leitet von 1920 an die Abteilung Biologie und kann als Pionier des Tierfilms gelten – im bescheidenen Studiorahmen, in dem sich Insekten („Der Hirschkäfer", 1921), Frösche und Reptilien unter Terrarium-ähnlichen Bedingungen aufnehmen lassen. 1923 erhält die Abteilung ein Teleobjektiv für den Einsatz in freier Wildbahn, was einerseits Beobachtungen in den natürlichen Lebensräumen der Tiere ermöglicht, andererseits jedoch auch die Produktionskosten erhöht. Die Kulturfilmer sind Autoren, Regisseure und Produktionsleiter in Personalunion, ziehen mit Musterkoffern durchs Land, um vor allem die Schulen zur Vorführung ihrer Filme zu bewegen. Der Anspruch der Produktion changiert zwischen „Bunter Vielfalt der Welt", enzyklopädischer Neugier und „Ratgeber in allen Lebenslagen". Das Spektrum reicht von  „Negertänze" (1919) oder „Die ägyptische Springmaus" über „Deutsches Turnen in Afrika" (1920), bis zu „Was lernt der Schlosserlehrling im ersten Jahr?"

Produktionstechnisch herrscht von Anfang an auch ein Trend zum Recycling, zur Neumontage und –distribution  des BuFA-Materials. Die Landschafts- und Städtefilme werden schulgerecht umgeschnitten. So kompiliert der Geografieprofessor Felix Lampe aus BuFA-Material 1920/21 den Film „Die Alpen". Lampe, der dem Konzern eng verbunden ist, ist seit 1919 Direktor des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht. Dieses Institut prüft alle Lehrfilme und stellt geldwerte Bescheinigungen (sog. „Lampe-Scheine") aus – denn prädikatisierte Kulturfilme bedeuten verminderte Steuern für die Kinobesitzer. Ab 1924 vergibt der Ausschuß auch die Prädikate „volksbildend" und „künstlerisch wertvoll" für Spielfilme. Wegen seiner Ämterverquickung als Ufa-Mitarbeiter und Institutsleiter wird Lampe in der Presse, die zurecht die Unabhängigkeit Lampes gefährdet sieht, scharf attackiert.

Trotz der Gründung einer „Filmunterrichts-Organisation der Ufa", an der sich 200 Städte und Gemeinden beteiligen, fährt die Abteilung, seit das Reich sich aus dem Ufa-Konzern zurückgezogen hat, Defizite ein und ist stark gefährdet. Die Produktion wird in der Folge marktgerechter: Kulturfilme bekommen einen feuilletonistischen Anstrich, verschiedene Fassungen (wissenschaftliche für die Universitäten,  pädagogische für die Schulen, populäre fürs Kino) sollen eine optimale Auswertung des Materials garantieren. 

Bis 1924 ist der Kulturfilm ein Synonym für „Beiprogramm-Ware" von ein bis zwei Akten Länge. In der Folge werden jedoch auch einige abendfüllende Streifen produziert: der panoramatisch angelegte, 6-aktige Film über Sport, Gymnastik und Tanz, „Wege zu Kraft und Schönheit" von Wilhelm Prager und Nicholas Kaufmann wird mit großem Aufwand beworben und ist 1925 ein internationaler Kassenerfolg für die Ufa. Auch „Wein - Weib - Gesang" von Willy Achsel füllte ein Jahr zuvor mit seiner spezifischen Mischung aus Weinbaudokumentation und historisierender Inszenierung von Trinkgelagen die Kinosäle. 1926 entsteht als reguläre Ufa-Produktion unter der Fachberatung der Freud-Schüler Karl Abraham und Hanns Sachs der erste Film zur – in Deutschland umstrittenen – Psychoanalyse, „Geheimnisse einer Seele". Georg Wilhelm Pabst und die Hauptdarsteller Werner Krauß und Ruth Weyher verleihen dem Film zwar inszenatorisch und schaupielerisch starke Konturen, dennoch dominieren die didaktisch-aufklärerischen Ziele. Triebwelt und Sexualität als Themen garantieren angesichts des in diesen Jahren verbreiteten Interesses an (Sexual-) Hygiene stets Aufmerksamkeit: „Natur und Liebe. Vom Urtier zum Menschen" (1927) von Ulrich K.T. Schulz, ein Film der Kulturabteilung, der ebenfalls in diese Kategorie gehört, bekommt durchweg gute Kritiken. 

1927 wird Nicholas Kaufmann, nachdem Ernst Krieger ausgeschieden ist, Leiter der Abteilung, Martin Rikli kommt hinzu. Im Krisenjahr 1929 wird der Etat stark verkleinert, die Produktion erliegt fast vollständig. 1930 rettet die Nachfrage in den USA nach deutschen Kurzfilmen die Abteilung. Martin Rikli bricht zu einer großen Film-Expedition nach Nordafrika auf; aus dem Material werden der abendfüllende (im neuen Tonfilmstudio Neu-Babelsberg nachsynchronisierte) Reisetonfilm „Am Rande der Sahara" und 15 Kurzfilme produziert. Ende 1931 bringt die Abteilung den ersten, im Zweifarbverfahren Ufa-Color gedrehten Farbfilm ins Kino, den zweiaktigen Tonfilm „Bunte Tierwelt" (Regie: Ulrich K.T. Schulz, Kamera: Gotthardt Wolff), dem 1932 der Einakter „Rhythmus und Tanz" (Regie: Wilhelm Prager) folgt.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bedeutet für die Produktion der Kulturabteilung keine wesentliche Zäsur. Eine naturwissenschaftlich-sozialdarwinistische Soziologie, die „Gesellschaft mißt, berechnet, benennt, erklärt und begründet" (H. Bitomsky a.a.O., S. 456) findet Anknüpfungspunkte in den mikro- und makroskopisch verfahrenden Methoden der Kulturfilmpraxis. Vor allem der populärwissenschaftliche Tonfilm bietet mit der Denkfigur der 'Gesellschaft als Organismus' hinreichend Gelegenheit zur biologistischen Metaphorik in Bildmontage und Kommentar. Von den formierten Tiergesellschaften („Der Ameisenstaat", 1934 von Ulrich K.T. Schulz) ist es nicht weit zur formierten 'Volksgemeinschaft'. Dennoch produziert die Ufa-Kultruabteilung bis auf wenige Titel („Arbeitsdienst", 1933 von Hans Cürlis oder „Deutsche Arbeitsstätten", 1940 von Svend Noldan) keine manifeste NS-Propaganda. Filme wie Ruttmanns „Metall des Himmels" (1934) oder „Deutsche Panzer" (1940) sind gleichwohl in ihrer ästhetisch-formalen Ambition und ihrem pathetischen Gestus politisch verwertbar. 

Am 1. August 1940 richtet die Regierung auf Anordnung des Reichsfilmintendanten und unter maßgeblicher Beteiligung der Ufa die Deutsche Kulturfilm-Zentrale ein. Ziel ist es, die Produktion von Kulturfilmen, die bis dahin mehrheitlich von kleineren Firmen getragen ist, stärker zu kontrollieren. Die meisten freien Kulturfilm-Hersteller, so ein Bericht des Oberregierungsrats Carl Neumann, eines früheren Kinobesitzers, an Propagandaminister Joseph Goebbels vom 23. März 1940, seien „fast vollkommen abhängig von der Ufa", von der sie fertige Drehbücher erhielten, die sie dann lediglich umzusetzen hätten. Neumann plädiert aber weniger für die Unabhängigkeit der Kulturfilmproduzenten und ihre „eigenschöpferische Arbeit", sondern vielmehr  für mehr direkte Einflußnahme seitens des Staates. „Es ist notwendig", so Neumann, „mit den Kulturfilmschaffenden, um sie wirklich führen und steuern zu können und sie auf die Wünsche des Staates auszurichten, einen ständigen engen Kontakt herzustellen. Dabei darf man bei ihnen nicht die Empfindung aufkommen lassen, daß sie unter Zensur gestellt seien." Die Kulturfilm-Zentrale, finanziert aus einem Sonderfonds, ist in der Folge nicht nur Instrument der Vorzensur, das jedes Projekt prüft, sondern „zentrale Produktionsleitung für das gesamte deutsche Kulturfilmschaffen." (zit. nach Töteberg a.a.O., S. 439) Sie untersteht direkt dem Propagandaminister.

Ab September 1940 steigt angesichts der erweiterten Kriegswochenschau das Publikumsinteresse an Kulturfilmen mit nicht-politischen Themen. Kulturfilmmatineen an Sonntagen sind gemäß Berichten der SS eine Art Ersatzkirchgang. Erst 1941 werden bei der Ufa explizit propagandistische Kriegsfilme produziert. Krieg erscheint dabei als Abenteuer, Soldaten sind Experten, wie sich an den querschnitthaften militärischen Funktions-Porträts wie „Flieger, Funker, Kanoniere" (1936, Regie: Martin Rikli, Kamera: Erwin Bleeck-Wagner) oder  „Alpenkorps im Angriff" (1939, Regie/Buch: Gösta Nordhaus) ablesen läßt. Ihre Publikumswirksamkeit resultiert aus der Mixtur von Kriegshandlung und opulenter Landschaftsinszenierung. Stadt- und Landschaftsfilme aus den annektierten Gebieten im Osten unterstreichen den imperialistischen Anspruch des Regimes. Bereits vor dem Krieg gedrehtes Material wird, wie bei dem Stadtportrait „Eger, eine alte deutsche Stadt" (1938, Regie/Kamera: Rudolf Gutscher) ergänzt um Aufnahmen vom Einzug der Wehrmacht.

Am 18. August 1943 wird die Ufa exklusiver Auftragsproduzent der NSDAP für Kulturfilme, derer sich gemäß Carl Melzer, dem Vizepräsidenten der Reichskulturkammer, der Staat „als Faktor der politischen und kulturellen Volkserziehung" bedient. (zit. nach Töteberg a.a.O., S. 440) Der Vertrag sieht vor, daß die Ufa von der Propagandaleitung vorbereitete Projekte auf eigene Kosten produziert, während die Partei auf die Beteiligung an den Auswertungserlösen im Kino verzichtet. Im Frühjahr 1944 wird die Ufa-Sonderproduktion der Universum AG angegliedert. Mit dem Film „Ausländer studieren in Deutschland" (1944) soll gezeigt werden, daß „auch in den Kriegszeiten die Pflege der Wissenschaft an den deutschen Universitäten in unvermindertem Umfange fortgesetzt wird und daß namhafte Gelehrte sowie hervorragende Einrichtungen nach wie vor Ausländer zum Studium nach Deutschland ziehen." Aber auch ganz alltägliche und praktische Themen werden berührt: „Erst löschen, dann retten" betrifft den Luftschutz, ein Film über den Gasalarm (Arbeitstitel „KI") gibt konkrete Verhaltensanweisungen bei Angriffen. 
Im August 1944 werden die Ufa-Sonderproduktion, die Ufa-Wirtschaftsfilm und die Sonderproduktion der Wochenschau auf Veranlassung des Reichsfilmintendanten Heinrich Hinkel ganz geschlossen und die Ufa-Kulturfilmabteilung personell stark reduziert, die Mitarbeiter zum Fronteinsatz geschickt. Die Kulturfilm-Produktion wird bis Kriegsende fortgeführt. Ulrich K.T. Schulz, der von Goebbels am 15. Januar 1945 zu seinem 25jährigen Ufa-Jubiläum beglückwünscht wird, produziert noch im Frühjahr 1945 mit Mikroskopaufnahmen von Herta Jülich die Einakter „Unser täglich Brot" und „Der Karpfen".

uvk

DIF, 3.5.2000